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Archivierte Berichte

Hier finden Sie ausschließlich archivierte Berichte aus unserer Rubrik "Aktuelles" / "amtl. Bekanntmachungen" - aktuelle Satzungen z.B. finden Sie auf der Seite Ortsrecht

Vor 80 Jahren endete der Krieg in Winsen und Umgebung

In diesen Tagen jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges in unserer Region zum 80. Mal

In den vier Tagen vom 13. bis zum 16. April 1945 besetzten britische Truppen nach und nach die Dörfer, aus denen heute die Einheitsgemeinde Winsen (Aller) besteht. Besonders dort, wo sich deutsche Soldaten verschanzt hatten, kam es zu heftigen Kämpfen. In Thören, Winsen und Wolthausen forderten die Gefechte zahlreiche Menschenleben auf beiden Seiten. In Dörfern wie Bannetze und Südwinsen hatten die deutschen Soldaten hingegen ihre Stellungen vor dem Einmarsch der alliierten Truppen geräumt. Kampfhandlungen blieben hier deshalb weitgehend aus.

Das Ende des Krieges – knapp drei Wochen später in Berlin offiziell besiegelt – bedeutete einen Einschnitt von kaum zu überschätzender Bedeutung in der Geschichte unseres Landes. Es befreite Europa und die gesamte Welt von der Bedrohung durch ein Regime, das Minderheiten und Andersdenkende in einem zuvor nicht vorstellbaren Maß an Menschenverachtung verfolgt und massenhaft ermordet hatte. 

Dem vom Hitler-Regime ausgelösten Weltkrieg fielen etwa 60 Millionen Menschen zum Opfer. Für die Bevölkerung in Winsen und Umgebung manifestierte sich dieses enorme Unrecht in dem nahen Konzentrationslager Bergen-Belsen, in dem mehr als 50.000 Juden, Sinti und Roma, politisch Andersdenkende und Homosexuelle ermordet wurden. 

Noch wenige Tage vor dem Einmarsch der Alliierten trieben Wachmannschaften etwa 4000 KZ-Insassen auf Todesmärschen durch Südwinsen, Winsen und Walle nach Bergen-Belsen. Das Unrecht wurde der ansässigen Bevölkerung auch durch die Präsenz von Zwangsarbeitern vor Augen geführt, die während des Krieges vielerorts eingesetzt und festgehalten wurden. 

Doch auch die einheimischen Familien litten, da viele ihrer männlichen Angehörigen in der Wehrmacht oder im Volkssturm kämpfen mussten – oft mit fatalen Folgen für ihre körperliche und mentale Gesundheit.

Das Ende des Krieges markierte den Beginn einer inzwischen bereits acht Jahrzehnte währenden Friedenszeit, die Winsen (Aller) und seine Außendörfer nachhaltig geprägt hat. Trotz der massiven Herausforderungen der direkten Nachkriegszeit (u.a. Plünderungen, wirtschaftliche Not und die Integration von Flüchtlingen) konnte sich die Region dank des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs und der politischen Stabilität in der neu entstandenen Demokratie erholen. 

Dieser langanhaltende Frieden hat der Gesellschaft die Chance gegeben, ein Leben in Sicherheit und Freiheit zu gestalten – ein kostbares Privileg, dessen Bedeutung in der Erinnerung lebendig gehalten werden sollte.

L. Mücke

Ein Zeitzeuge erinnert sich an das Kriegsende

Eine überaus bildhafte Vorstellung davon, wie das Kriegsende in Winsen erlebt wurde, vermitteln die Erinnerungen des ehemaligen Schulrektors und langjährigen Heimatpflegers Heinrich Mangels, die im Folgenden wiedergegeben werden:

„Anfang April ’45 hatten wir in Winsen ein wunderbar warmes Frühlingswetter, wie es nur selten vorkommt, so dass ich – damals gerade 14 Jahre alt – zusammen mit meiner Mutter schon die Dahlien in den Garten pflanzte. Aber im Gegensatz zur Natur lebten die Menschen in unserem Ort in einer nahezu unerträglichen Spannung. Sie beherrschte die Angst vor dem Kommenden; denn die Front rückte näher, und die Vorzeichen für das Ende des Krieges mehrten sich. Würde es ein Ende mit Schrecken werden?

Ich hatte in den ersten Apriltagen die Kolonnen von Häftlingen in Sträflingskleidung gesehen, die durch Winsen nach Belsen getrieben wurden. Sie kamen zu Fuß aus Hannover. Ausgemergelt und durstig lechzten sie nach Erquickung. Doch die deutschen Wachmannschaften wiesen hart und schroff alle zurück, die ihnen frisches Wasser reichen wollten.

Am 12. April erlebte ich mit, wie ein britischer Offizier, ein Parlamentär, mit verbundenen Augen und weißer Flagge über die Allerbrücke und die Poststraße in Richtung Belsen gefahren wurde. Durch Verhandlungen zwischen deutschen und englischen Kommandostellen wurde, wie ich später erfuhr, das Gelände um das KZ Belsen zur neutralisierten Zone erklärt.

Am 13. April wurde die Allerbrücke gesprengt. Die Alarmsirenen heulten. Alle Einwohner sollten in Kellern oder Splittergräben Deckung suchen. Und nach einer gewaltigen Detonation war Winsen von Südwinsen getrennt. […]

Ich wohnte damals zusammen mit meiner Mutter und meinen beiden jüngeren Schwestern im Pfarrhaus am Küsterdamm. Mein Vater, einer der beiden Gemeindepastoren, war Soldat. Der Küsterdamm bildete den Westrand des Dorfes. Hinter unserem Garten mit dem alten Baumbestand dehnten sich Felder und Wiesen bis zum fernen Waldrand. […]

Am 13. und 14. April lebten wir allerdings mehr im Bunker in unserem Garten in der bangen Erwartung des Angriffs der Engländer auf Winsen. Mein Vater hatte anlässlich eines Urlaubes diesen Unterstand, einen Splitterschutzgraben, den wir Bunker nannten, bauen lassen. Er war etwa 1,50 m tief in den Erdboden gegraben, etwa 1,50 m breit und gut 3 m lang. An beiden Enden waren rechtwinklig abgehende Ausgänge. Decke und Wände bestanden aus runden Kiefernstämmen. Darüber lag als eigentlicher Schutz das ausgehobene Erdreich, das mit Grasplaggen bedeckt war. […]

Am Vormittag des 14. April wurde der Gefechtslärm lauter. Die Engländer kämpften sich von Bannetze her an Winsen heran. Um Mittag aber. wurde es ruhig. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Gegen 16 Uhr griffen plötzlich Jagdbomber im Tiefflug Winsen an. Bordkanonen knatterten, Bomben explodierten. Dann trat noch einmal Ruhe ein. Meine Mutter lief trotz unserer Warnung kurz ins Haus, meine siebenjährige Schwester jammernd hinterher. Zurückgekehrt berichteten sie von Einschlägen der Geschosse: Fensterscheiben zersplittert, Löcher in den Wänden, Dachziegel heruntergeflogen, Kalk von den Decken in allen Räumen.

Kaum waren sie wieder im Unterstand, begannen die Engländer, den Westrand des Dorfes zu beschießen: Heulen und Krachen der explodierenden Granaten rings umher. Die Erde erzitterte, Sand rieselte zwischen den Baumstämmen auf uns herab. Würde unser Bunker halten? […] Plötzlich zu den Detonationen ein anderes Geräusch: lautes Knistern, Prasseln, Bersten, dazu heller Schein. Unser altes Fachwerkhaus stand in hellen Flammen. Dieses Ereignis war für mich in diesem Augenblick völlig bedeutungslos. Wichtig war nur noch, zu überleben. […] Feuchte Tücher wurden herumgereicht. Wir hielten sie vor den Mund, weil Hitze, Qualm und Funkenflug zeitweise fast unerträglich wurden.

Schließlich – es war inzwischen schon dunkel geworden – ebbte der Gefechtslärm ab. Man hörte noch vereinzelt Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, dazu dumpfes Motorengeräusch und das Rasseln von Panzerketten. Plötzlich standen englische Soldaten am Bunkereingang mit den typischen flachen Stahlhelmen, wie ich sie häufig in Wochenschauen gesehen hatte. Die Engländer suchten nach deutschen Soldaten und verschwanden.

Dann später draußen wieder Stimmen! Frau Fikus, eine in der Nachbarschaft wohnende Lehrerin, stand zusammen mit zwei englischen Soldaten am Eingang. Sie spricht gut Englisch und hatte die Soldaten, als sie ihr Wohnhaus durchsuchten, couragiert gebeten, mit ihr zusammen nach uns zu sehen. Sie freute sich, uns gesund anzutreffen. Wir erfuhren, dass der Kampf beendet sei. Winsen sei besetzt. Nur noch von Ferne hörte man Geschützdonner. Diesen Augenblick erlebte ich wie eine erlösende Befreiung: Überstanden war die Todesangst, der Krieg war für uns zu Ende. Wir hatten zwar alles verloren, aber wir hatten überlebt – ein Glücksgefühl trotz allem Elend, das uns getroffen hatte.

Wir verbrachten die Nacht – schlecht und recht schlafend – im Unterstand. Am nächsten Morgen erkundete ich die nächste Umgebung: viele Granattrichter im Garten, abgebrochene Äste, Splitter von Geschossen. Das Haus, in sich zusammengesunken, war ein glühendheißer Schutthaufen. Wahllos von uns im letzten Augenblick in den Garten gelegte Kleidungsstücke waren durch Funkenflug entzündet und verbrannt. Ich sah die Einschüsse im Kirchturm, die Beschädigungen an den Nachbarhäusern. Deutsche Uniformteile, auch Stahlhelme, von Soldaten wohl gegen Zivilkleidung ausgetauscht, lagen herum. Von Splittern zerrissene Hühner. Unsere Schafe waren nicht zu sehen. Sie waren wohl in den Flammen umgekommen.

Endlos rollten von Bannetze her britische Panzer und Nachschubfahrzeuge die Kirchstraße entlang. Am Küsterdamm spielten Engländer zwischen ihren Fahrzeugen Fußball. Gefangene deutsche Soldaten mit über den Köpfen erhobenen Händen wurden vorbeigeführt. […]

Das Leben hatte sich für uns in einer Nacht verändert. Eine neue Zeit brach an.“

Quelle: Winser Geschichtsblätter Nr. 5 (1995), S. 26–28.