Archivierte Berichte

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Ausländerfeindlichkeit – leider auch bei uns

Nach den Äußerungen von Alexander Gauland von der AfD über den „unbeliebten Nachbarn Jerome Boateng“ sowie die „undeutsche Fußball-Nationalmannschaft“ und den Drohungen gegen den Bundesjustizminister Heiko Maas und Cem Özdemir, dem Vorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, wurde ich in den letzten Tagen häufig gefragt, ob es so etwas in Winsen eigentlich auch gibt.

Darauf konnte ich leider nur mit einem klaren „Ja, das gibt es bei uns auch!“ antworten. Hier einmal eine Mail vom letzten Wochenende:

Mahlzeit Herr “Bürgermeister”
Wer zahlt eigentlich den Strom in Ihrem Flüchtlingsheim? Richtig die Allgemeinheit, also könnten sie vielleicht einmal dafür sorgen, das Ihre schwarzen Freunde sich daran halten und nicht den ganzen Tag, selbst bei Sonnenschein die Lichter in Ihren Zimmer anlassen. Kostet doch alles Geld, ich weiß, nicht ihres aber das der allgemeinen Bürger.

MFG

Das ist eher die harmlosere Variante und eine von vielen Mails dieser Art. Ich stelle mir dann immer die Frage, warum man als Nachbar (wie in diesem Fall) nicht einfach einmal das Gespräch mit den Asylbewerbern sucht und auf den Missstand hinweist. Immerhin hatten die Asylbewerber zum Begrüßungskaffee mit der Nachbarschaft eingeladen und der Verfasser der vorliegenden Mail war auch da. Man kennt sich also. Die folgende Mail erreichte unsere Integrations- und Migrationsbeauftragte:

Mahlzeit Frau "Migationsbeauftragte". Sollten sie noch einmal die bodenlose Frechheit besitzen meine Eltern oder Großeltern zu beleidigen indem Sie Sie indirekt als Ausländer beschimpfen, werde ich eine Beleidigungsklage gegen Sie erwirken. Haben Sie verstanden!!“

Der Stil und die mangelnde Kenntnis der Rechtschreibung und Grammatik lassen richtig vermuten. es handelt sich um den gleichen Verfasser wie in der ersten Mail. Das Gedankengut, das hier vertreten wird, ist ganz klar ausländerfeindlich und bezieht sich auf die vorangegangene Aussage unserer Integrations- und Migrationsbeauftragten, dass in Deutschland mittlerweile über 20 % der Menschen einen Migrationshintergrund haben und nach dem 2. Weltkrieg ebenfalls viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen und diese sowie ihre Nachkommen heute fest integriert sind. Dass wir schauen, wie unsere neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger sich hier einleben und dass wir sie dabei unterstützen, das ist selbstverständlich. Der Verfasser der nächsten Mail hatte aber wahrscheinlich etwas Anderes im Sinn, als er seinen Text verfasste:

„im auge behalten ist gut. Sei immer auf der Hut man weiss nie, wieviel die "Migrationsfreunde" in der Gemeinde Winsen noch reinholen.“

Wir werden natürlich auch weiterhin Flüchtlinge zugewiesen bekommen, die brauchen wir nicht extra reinzuholen. Das System der Zuweisung scheint der Mailverfasser trotz häufiger Erklärung aber leider immer noch nicht verstanden zu haben.

In den nächsten Wochen erwarten wir die neuen Quoten und werden dann mit unserer Integrationsarbeit fortfahren wie auch schon in den letzten Monaten. Angesichts der weit über eintausend Menschen, die in den letzten Wochen auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken sind, für mich eine innere Pflicht, die nicht weiter erläutert werden muss.

Erwähnen möchte ich vielmehr, dass mich die große Hilfsbereitschaft der vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer besonders berührt, denn auch sie bekommen diese Anfeindungen mit oder sind diesen zum Teil sogar selbst ausgesetzt. Trotzdem machen sie weiter, vielleicht auch gerade deswegen, und das verdient höchsten Respekt und Dank, den ich ihnen auch an dieser Stelle noch einmal aussprechen will.

Gottseidank weiß ich, dass ebenfalls viele Bürgerinnen und Bürger genauso denken wie ich und Dankbarkeit gegenüber den Ehrenamtlichen empfinden. Die Verfasser von Mails und anonymen Drohbriefen sind eine verschwindend kleine Minderheit bei uns, doch darum sollte man trotzdem darüber sprechen und ein Augenmerk auf die weitere Entwicklung haben. Ausländerfeindliche Sprüche und Rassismus dürfen nicht salonfähig werden.

Dirk Oelmann
Bürgermeister