Die Spanische Grippe in Winsen (Aller) und Umgebung

Krankenschwestern während des Ausbruchs der Grippe in St. Louis, USA (1918) – Library of Congress, LC-DIG-ds-01290

Ein Auszug aus einem Beitrag der Winser Geschichtsblätter

Seitdem sich das Covid-19-Virus zu Beginn des Jahres 2020 in Windeseile über den Globus ausbreitete, richtet sich der Blick auch in die Vergangenheit. Gab es dort vergleichbare Infektionskrankheiten? Lassen sich aus diesen Erfahrungen Lehren für die Gegenwart ziehen? Solche Überlegungen führen schnell zurück zu einem Phänomen, das die Welt vor etwas mehr als 100 Jahren in Atem hielt: die Spanische Grippe. In den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit breitete sich diese Influenza-Pandemie auf allen Kontinenten aus. […]

In Winsen, wo man die Herbstferien um eine Woche verlängerte, in Stedden und in Südwinsen kam es zu Schulschließungen. Der Winser Heimat-Bote, der hierüber am 15. November 1918 berichtete, gab dabei die Haltung des Landkreises wieder: „Auch das Schließen der Schulen geschah nicht aus gesundheitlichen Gründen, um vorzubeugen, sondern aus pädagogischen Gründen, weil es zwecklos ist, mit einer übermäßig durch Fehlen verringerten Schülerzahl Schule zu halten.“ 

Die Frage, wie viele Menschen erkrankten, oder gar, wie schwer die jeweiligen Verläufe waren, lässt sich nicht zweifelsfrei beantworten. Das Bild, das der Heimat-Bote zu dieser Frage vermittelt, ist widersprüchlich. Die Ausgabe vom November 1918 zeichnet ein eher unaufgeregtes Bild der Lage in Winsen und Umgebung. Die Influenza sei bereits wieder am Abklingen, ihre Folgen keineswegs drastisch: „Gott sei Dank tritt die Krankheit, die auch wohl schon wieder im Abmarsche ist, hier zu Lande im allgemeinen nicht so heftig auf wie an anderen Orten.“ Als Gegenmittel empfahl man Methoden, die sich bei der Behandlung einfacher Erkältungen bewährt hätten: „Sowie man etwas von der Krankheit merkt, gehe man nicht erst dagegen an, wie man das sonst wohl als pflichteifriger Mensch zu tun pflegt, sondern halte sich im Bett und nehme eine tüchtige Schwitzkur.“ 

Weitaus trüber fällt hingegen das Fazit aus, das Pastor Julius Bauer zwei Monate später im Monatsblatt der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde zieht. Im Bericht über das Jahr 1918 geht er rückblickend auch auf die durchgeführten Bestattungen ein: „Beerdigt wurden: 83, eine Beerdigung fand in Celle statt. Von den 83 fanden 43 im letzten Vierteljahr statt. Durch die Grippeepidemie kam der Tod in viele Häuser, raffte auch gerade manch junges und blühendes Leben dahin.“ Das „letzte Vierteljahr“ – die Monate Oktober bis Dezember – entspricht dem Zeitraum, in dem sich die zweite, besonders tödliche Grippewelle ausbreitete. Darüber aber, wie viele dieser Toten tatsächlich auf die Influenza zurückzuführen waren, gibt diese Aussage freilich keine Auskunft.

Größere Klarheit bieten hier die Personenstandsregister des Winser Standesamtes. Auf diesem Wege lässt sich zunächst überprüfen, ob es gegen Ende des Jahres tatsächlich vermehrt zu Todesfällen kam. In der Tendenz bestätigt das Winser Sterbebuch die Aussage von Pastor Bauer: Hier fallen 35 von insgesamt 88 Einträgen – 39,8 % – in das letzte Viertel des Jahres 1918. Dabei handelte es sich um eine im Jahresvergleich untypische Häufung. […]

Das Winser Standesamt informiert aber auch über die Ursachen der Todesfälle. Schaut man sich die Einträge für das Jahr 1918 an, so fällt rasch auf, dass zwanzig von ihnen Todesursachen erwähnen, die auf die Spanische Grippe zurückgeführt werden können. In sieben Fällen wird die „Grippe“ bzw. „Influenza“ allein erwähnt, in vier weiteren gemeinsam mit „Ruhr“ bzw. „Lungenentzündung“. Die Lungenentzündung allein, eine häufige und oft tödliche Folgeerscheinung der Grippe, wird sechsmal als verantwortlich für das Ableben eines Menschen angeführt; jeweils einmal „Lungenleiden“, „Luftröhrenkatarrh“ und „Bronchialkatarrh“. 

Diese Todesfälle waren allerdings keineswegs gleichmäßig über das ganze Jahr verteilt: Allein 17 dieser Einträge fallen auf die Monate Oktober bis Dezember. In eben der Zeit, in der das Grippevirus besonders viele Opfer forderte, lässt sich somit für fast 50 % aller Einträge eine Verbindung mit der Influenza annehmen. 

Zwar wird die zweite Welle als die tödlichste Phase der Spanischen Grippe angesehen. Das Leiden setzte sich jedoch auch im nächsten Jahr fort. Bis zum 20. April 1919 registrierte das Winser Sterbebuch neun weitere Todesfälle, die auf Grippe oder Lungenentzündung zurückgeführt wurden. 

L. Mücke

Der vollständige Artikel ist in Ausgabe Nr. 27 der Winser Geschichtsblätter nachzulesen. Sie ist bei der Winser Tourist-Information sowie im Einzelhandel (Apotheke am Markt, Keramik Studio Köhler, Rumpelstilzchen, Pusteblume, Gärtnerei Lohmann und Aral-Tankstelle) erhältlich.