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KITA-Streik auch in Winsen

Durch Presse, Funk und Fernsehen sind Sie sicherlich darüber informiert, dass derzeit Streiks in den Kindertagesstätten laufen bzw. in nächster Zeit laufen werden. Auch in Winsen wird das der Fall sein.

In der Zeit vom 18. bis 22. Mai werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Erziehungsbereiches der Kindertagesstätten „Hinteres Sandfeld“ und „Kleines Neues Land“ ihre Arbeit niederlegen.

Natürlich ist das für alle Eltern, die auf die Betreuung ihrer Kinder angewiesen sind, eine große Belastung, doch das Argument, dass der Streik auf dem Rücken der Eltern und Kinder ausgetragen wird, kann so nicht gelten, denn man muss hier auch einmal betrachten, wofür die Erzieherinnen und Erzieher streiken.

Es geht auch um Geld, das ist sicher richtig, doch viel mehr noch geht es den Streikenden darum, dass es auch in Zukunft möglich sein soll, unsere Kinder den Bedürfnissen und Erfordernissen der heutigen Zeit entsprechend in ihrer Entwicklung zu begleiten und somit Eltern unterstützen zu können.

Genau dieses steht in vielen Kommunen aber durch den Erziehermangel und schlechte Rahmenbedingungen in den Sternen. Hohe Verantwortung bei nicht entsprechendem Lohnausgleich tragen auch nicht gerade dazu bei, dass junge Menschen sich für diesen Beruf entscheiden!

Wohl in keinem gesellschaftsrelevanten Bereich hat es in den letzten Jahren solche gravierenden Änderungen gegeben wie auf dem Bildungssektor. Bildung, und das vergessen leider Viele, fängt aber nicht erst in der Schule an. Gerade die neusten Forschungen haben bewiesen, dass im Bereich der frühkindlichen Bildung bisher viel zu wenig getan wurde.

Erzieher und Erzieherinnen leisten heute gerade in diesem Bereich einen wichtigen Beitrag, der von Fachleuten als Grundstock für die (schulische) Entwicklung von Kindern gesehen, gefordert und auch eingeplant wird. Singen, basteln und spielen, das gibt es nach wie vor im Kindergarten, aber es geht nicht um Beschäftigung, sondern um die bewusste Gestaltung von Bildungsprozessen für die Kinder.

Über jedes Kind sind Dokumentationen zu führen, in denen die einzelnen Entwicklungsfortschritte genau festzuhalten sind. Diese und viele Aufgaben mehr sind im Laufe der Jahre zum Berufsbild der Erzieherin und des Erziehers dazu gekommen, dessen Tätigkeitsmerkmale, die zur Eingruppierung dienen, das letzte Mal in den 1970er Jahren festgeschrieben und seither nicht aktualisiert wurden!

Daher ist der Streikgrund, zukünftig Gruppenstärken in den Kindertagesstätten und die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher diesen neuen Anforderungen anzupassen, erstens nur allzu verständlich und zweitens ein Punkt, der nicht nur für sie, sondern auch für die Kinder von immenser Bedeutung ist.

Wir sind heute auf dem Arbeitsmarkt an einem Punkt, an dem es immer schwerer wird, gut ausgebildetes Personal für die Erziehungsarbeit in den Kindertagesstätten zu finden. Die Ausbildung (die übrigens vier Jahre OHNE GEHALT umfasst) und Wertschätzung, aber auch die geringe Bezahlung, die zurzeit mit dieser wichtigen Aufgabe für unsere Gesellschaft verbunden sind, lassen viele junge Menschen vor einer Ausbildung in diesem Bereich zurückschrecken, denn auf der einen Seite als Bildungswegbereiter für die Kinder eingesetzt zu werden, auf der anderen Seite aber als „Basteltante“ gesehen und auch bezahlt zu werden, das passt für viele, die durchaus Interesse an dieser Arbeit haben, nicht zusammen.

Somit geht es in diesem Streik um weitaus mehr als nur Prozente. Als Arbeitgeber sehe ich mich hier gerade etwas zwischen den Stühlen, denn auf der einen Seite liegt mir natürlich das Wohlergehen der Familien am Herzen, die sich in dieser einen Woche um andere Betreuungsmöglichkeiten bemühen müssen, auf der anderen Seite kann ich aber auch die Streikenden nur allzu gut verstehen, denn neben ihren verständlichen persönlichen Forderungen kämpfen sie auch für etwas, was langfristig gesehen dabei helfen wird, dass wir als Kommune dem gesellschaftlichen Auftrag der frühkindlichen Bildung überhaupt noch gerecht werden können.

Daher bitte ich gerade die betroffenen Familien, aber natürlich auch alle anderen, denen die Zukunft und Bildung der nächsten Generation am Herzen liegt, um Solidarität mit den streikenden Erzieherinnen und Erziehern.

Dirk Oelmann
Bürgermeister